Wie viel Vermögen brauche ich, um von meinem Kapital zu leben?
Kurz: Die Frage lässt sich erst beantworten, wenn zwei Dinge geklärt sind — ob das Vermögen am Ende aufgebraucht sein darf, und welche anderen Einkünfte wann einsetzen. Aus dem liquiden Vermögen muss nur die Lücke kommen, die dann noch bleibt, und die ist kein fester Betrag, sondern ein Verlauf über die Jahre. Faustformeln wie die Vier-Prozent-Regel taugen dafür als Größenordnung, nicht als Planung.
Die erste Frage lautet: Soll etwas übrig bleiben?
Bevor irgendjemand rechnet, muss eine Entscheidung fallen, die selten ausgesprochen wird. Darf das Vermögen bis zum Schluss aufgebraucht werden, oder soll die Substanz erhalten bleiben und weitergegeben werden?
Bei gleichem monatlichem Bedarf liegt zwischen beiden Antworten je nach Zeithorizont das Anderthalb- bis Doppelte an nötigem Kapital. In der Praxis liegt die Antwort meist dazwischen: Ein Teil des Vermögens ist zum Verbrauch bestimmt, ein anderer für die nächste Generation reserviert. Beides ist legitim — nur muss die Aufteilung bewusst getroffen werden. Wer sie offen lässt, verhält sich am Ende automatisch wie ein Erhalter und schränkt sich stärker ein, als nötig wäre.
Was die Vier-Prozent-Regel taugt — und was nicht
Die meisten kommen mit einer Zahl im Kopf: vier Prozent. Die Regel besagt, dass Sie im ersten Ruhestandsjahr vier Prozent Ihres Vermögens entnehmen und diesen Betrag danach nur noch an die Inflation anpassen — dann soll das Kapital dreißig Jahre reichen. Sie stammt aus der Trinity-Studie, einer Auswertung historischer US-Daten für ein Portfolio aus amerikanischen Aktien und Anleihen.
Als Größenordnung ist sie brauchbar, als Planung nicht. Sie unterstellt einen anderen Markt, einen festen Zeitraum und eine feste Aufteilung, und sie rechnet vor Steuern und vor Kosten. Wer mit achtundfünfzig aufhört, plant außerdem nicht dreißig Jahre, sondern vierzig. Die Zahl ist ein Einstieg ins Gespräch, kein Ergebnis.
Die Status-quo-Analyse: welche Quellen wann
Entnahmerechner kennen nur ein Depot. Bei den Mandanten, mit denen wir arbeiten, speist sich der Ruhestand aus mehreren Quellen, und die beginnen zu unterschiedlichen Zeitpunkten.
Am Anfang steht deshalb eine Bestandsaufnahme entlang der Zeitachse. Welche Einkünfte fließen ab wann und in welcher Höhe — gesetzliche Rente, Versorgungswerk, Pensionszusage der eigenen GmbH, Mieteinnahmen nach Instandhaltung und Steuern, später vielleicht ein Verkaufserlös oder eine Ausschüttung aus einer Beteiligung? Dagegen stellen wir den Bedarf, in heutiger Kaufkraft und getrennt nach laufendem Lebensunterhalt und größeren Vorhaben.
Was dabei herauskommt, ist keine einzelne Zahl, sondern ein Verlauf: die monatliche Lücke, Jahr für Jahr. Sie ist am Anfang meist am größten und schrumpft, sobald weitere Quellen einsetzen. Genau diese Lücke muss das liquide Vermögen schließen — nicht der gesamte Lebensunterhalt. Erst wenn sie steht, lässt sich sagen, welcher Betrag nötig ist und wie er angelegt sein muss.
Warum die Reihenfolge der Jahre zählt
In der Ansparphase ist es fast gleichgültig, wann gute und wann schwache Jahre kommen; am Ende zählt der Durchschnitt. In der Entnahmephase nicht. Wer entnimmt, während die Märkte gefallen sind, verkauft Anteile zu niedrigen Kursen und verkleinert die Basis, von der sich das Depot später erholen müsste. Dieselbe Vermögenshöhe, dieselbe Durchschnittsrendite, eine andere Reihenfolge der Jahre — und die Ergebnisse fallen weit auseinander.
Daraus folgt der wichtigste konstruktive Teil jeder Entnahmestruktur: eine schwankungsarme, jederzeit verfügbare Schicht im Portfolio, aus der die Auszahlungen bedient werden, solange die Märkte schwach stehen. In der Umsetzung sind das Geldmarkt-ETFs und kurzlaufende Staatsanleihen-ETFs — kein Topf neben dem Depot, sondern ein eigener Teil der Allokation. Sein Zweck ist nicht Rendite, sondern die Freiheit, in einem schlechten Jahr keine Aktien verkaufen zu müssen.
Plan gegen Ist — und wann wir gegensteuern
Eine Ruhestandsplanung, die einmal gerechnet und dann abgeheftet wird, ist wertlos. Die Annahmen dahinter ändern sich: Märkte laufen anders als unterstellt, die Inflation zieht an, der Bedarf verschiebt sich, ein erwarteter Zufluss kommt später oder gar nicht.
Wir halten deshalb laufend Plan und Ist gegeneinander. Verglichen wird nicht nur der Depotstand, sondern die Frage dahinter: Trägt das Vermögen den geplanten Entnahmeverlauf noch bis zum Ende des Zeitraums? Diese Rechnung aktualisieren wir fortlaufend und besprechen sie mindestens einmal jährlich mit Ihnen — und immer dann, wenn sich an Ihrer Situation etwas ändert.
Der Sinn ist nicht, jedes Jahr die Strategie zu wechseln, sondern früh zu sehen, wann nachjustiert werden muss. Die Stellschrauben sind überschaubar: die Höhe der Entnahme, der Zeitpunkt größerer Vorhaben, die Aufteilung zwischen den Anlageklassen. Wer früh gegensteuert, dreht an einer davon ein wenig. Wer erst nach fünf Jahren hinsieht, muss an mehreren gleichzeitig kräftig drehen. Das ist der Unterschied zwischen einer Rechnung und einer Planung — eine Rechnung stimmt an dem Tag, an dem sie gemacht wurde.
FAQ
- Bleibt meine Entnahme über die Jahre gleich?
- Nein, sonst verlieren Sie real an Kaufkraft. Wir rechnen den Bedarf in heutiger Kaufkraft und passen die Entnahme laufend an die Preisentwicklung an.
- Wie wirken sich Steuern auf meine Entnahme aus?
- Steuerpflichtig ist nur der Gewinnanteil einer Entnahme, nicht der ausgezahlte Betrag — und wie hoch dieser Anteil ausfällt, lässt sich beeinflussen. Dazu kommen die jährliche Ausschöpfung des Sparerpauschbetrags und der Ausgleich realisierter Gewinne mit vorhandenen Verlustpositionen. Das ersetzt keine Steuerberatung, macht über zwanzig Jahre aber einen Unterschied.
- Muss ich in schlechten Börsenjahren weniger entnehmen?
- In der Regel nicht — dafür ist die schwankungsarme Schicht da. Wenn eine schwache Phase länger dauert als vorgesehen, sprechen wir darüber, bevor es eng wird. Eine vorübergehend kleinere Entnahme ist dann eine Option unter mehreren, nicht die einzige.
- Wie wird die Entnahme praktisch ausgezahlt?
- Als fester monatlicher Betrag auf Ihr Konto, wie ein Gehalt. Woher das Geld im Portfolio kommt, entscheiden wir — Sie müssen dafür nichts verkaufen und nichts veranlassen.
- Was, wenn ich deutlich länger lebe als geplant?
- Deshalb planen wir nicht auf die statistische Lebenserwartung, sondern mit Reserve darüber hinaus. Wer die Substanz ohnehin erhalten will, hat dieses Risiko weitgehend ausgeschlossen; wer verbraucht, sollte den Zeitraum bewusst großzügig ansetzen.
- Was, wenn ich früher aufhören möchte als geplant?
- Dann verlängert sich die Entnahmephase und verkürzt sich die Ansparphase — beides lässt sich rechnen. Je früher die Frage gestellt wird, desto mehr Stellschrauben gibt es noch.
- Sollte ich eine Immobilie verkaufen, um den Bedarf zu decken?
- Das hängt daran, was sie tatsächlich abwirft und wie groß die Lücke ohne sie wäre. Wir rechnen beides gegeneinander, ohne eigenes Interesse am Ergebnis — auch dann, wenn die Antwort lautet, dass Sie die Immobilie behalten und weniger Kapital bei uns anlegen sollten.
